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Rezensionen, Kommentare und Tee

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Holzfällen

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Ein nicht sonderlich erfolgreicher Schriftsteller sitzt auf einem Ohrensessel bei einem künstlerischen Abendessen, zu dem er nicht erscheinen wollte, aber dennoch gekommen ist und lässt sitzend in diesem Ohrensessel nicht nur die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren, wie der Umstand des Todesfalls einer lang nicht gesehenen, aber dennoch stark gemochten Freundin, das Ja-Sagen zu dieser Einladung zum künstlerischen Abendessen verursacht hat, sondern erinnert sich auch an die Zeit zu der er diese Freundin noch gut kannte, und an ihre als auch damals seine Gesellschaft, die sie umgab. Während dieses Abendessen nicht beginnen kann, weil alle auf einen Burgschauspieler warten, der viel zu spät nach seiner Vorstellung im Burgtheater ankommt, lästert der Schriftsteller unablässig über die Verlogenheit und Dekadenz der Wiener Künstlergesellschaft. Er debattiert mit sich selbst, wie lange er doch dieser ignoranten Gesellschaft entkommen ist und nun mit einem Schlag wieder die verhassten Gesichter, die hochmütigen Nasen, falsch und voller Heuchelei, ertragen muss, und mit welcher Taktik er wieder in diese, nämlich eben diese Gesellschaft, hineingesogen wurde. Bei all dem Mokieren über die Künstlergesellschaft, beginnt er sich selbst zu verachten, denn er war und ist nun wieder Teil von ihr, und anstatt geradlinig ihr den Rücken zu kehren, führte ihn seine eigene Verlogenheit an diesem Abend zu der Einladung, zu dem künstlerischen Abendessen. So richtet er das widerwärtig abstoßende Gefühl nicht nur gegen sie, die Gesellschaft, sondern auch gegen sich selbst; eine Tatsache, die eine magenumdrehende Wirkung erzeugen muss.

Der Künstler kommt schließlich, lässt seine Gefallsucht befriedigen und beherrscht jedes notwendige Detail, um den gegebene Schleim wieder retour mit gekonntem Charme zurückzuschmieren. Doch eine der Anwesenden greift den Burgschauspieler an und er rutscht plötzlich in eine ehrliche Welt ab und sagt allen gehörig die Meinung, bis alle wieder da enden, wo sie bereits seit Jahren sind, die Welt in der die Knollen höher getragen werden, selbst wenn es dort oben nichts zu riechen gibt. Alle gehen, verabschieden sich und auch der Schriftsteller vollführt seinen Part gekonnt, trotz anschließendem Übelsein.

Das Buch liest sich trotz seiner langen Sätze, fehlenden Absätze und nicht existenten Kapiteln flüssig und direkt. Das Buch ist eine Verteilung von Watschen an genau jene Künstlergesellschaft, die sich bei Veröffentlichung des Buches angesprochen und angegriffen fühlten, mit sprachlicher Direktheit und doch mit der gleichen feinen Ignoranz, die diese Gesellschaft aufopfernd lebt.

Wie auch immer, muss ich sagen, dass mich das Buch gelangweilt hat. Die Klagen selbst, scheinen eben genau die gleiche langweilige Leere zu haben, wie die heuchlerische Welt aus vielen Luftblasen, aus der diese Gesellschaft bestand und besteht.

Geschrieben von blanque

Sonntag, 16 März 2008 um 22:18

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Mann und Frau

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Mann und Frau von Zeruya ShalevDer zweite Teil der Trilogie Zeruya Shalevs handelt über ein israelisches Ehepaar, denen es nicht an Liebe zueinander fehlt, aber ein Stau von Gefühlen, Urteilen und Vorwürfen, die Beziehung dermaßen überschattet, dass die Ehe zu einer aussichtslosen, kränkenden Stagnationssituation geworden ist, die beide Partner unglücklich macht. Die tief greifenden Gründe für das Scheitern der Ehe liegen in zwei längst vergangen Ereignissen, die nie verziehen wurden. Na’ama hat sich zu Schulden kommen lassen, dass sie ihren Mann Udi, vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter, geistig (nie körperlich) mit einem Maler betrogen hat. Der Maler liebte sie, ihre Schönheit und Anmut, hat sie aber in ihrer Freiheit nie eingeengt. Als Na’ama von ihrem Mann erblickt wurde, als sie beim Fremden am Fenster stand, hat sie ihr Gewissen, ihre Schuld dermaßen aufgeblasen, dass Udi ihren Betrug nicht verkraften konnte. Das Ereignis auf Udis Seite war, dass er seine herzgeliebte Tochter als Baby vom Balkon hat fallen lassen. Das Kind trug keine Schäden von dem Unfall, dennoch konnte Na’ama die Unachtsamkeit ihres Mannes ihm nie verzeihen. Die innige Beziehung zwischen Tochter und Vater ging verloren.

Die gegenseitigen Vorwürfe und Beleidigungen in der Beziehung sind für Udi und Na’ama zu einem verzweifelten Alltag geworden und beide sind allein in ihrem gemeinsamen nicht aufhören wollenden ermatteten Strudel. Na’ama empfindet keinen Stolz bei dem was ihr Mann macht, der Reiseführer ist und immer wieder lange Zeit von zu Hause weg ist und Udi beleidigt Na’amas Kampf als Sozialarbeiterin für junge schwangere Mädchen. Durch und durch fehlt es der Ehe an Akzeptanz, Aufklärung und Vergebung, dass kein Weg aus diesem Frust zu existieren scheint, bis Udi eines Morgens mit schwer psychosomatischen Zuständen aufwacht. Anfangs ist er gelähmt, später verliert er sein Augenlicht für kurze Zeit, dann überkommt ihn wieder die Bewegungslosigkeit. Udis Krankheit scheint nach Wochen der Bettlägerigkeit nicht aufhören zu wollen.

Ihre gemeinsame Tochter Nogi, zu verwöhnt aufgezogen nach ihrem Unfall und ausgestattet mit einem starken kindlichen Egoismus, flammt die beruhigenden Momente zwischen Mann und Frau, die sich während der Krankheit immer wieder zu erkennen geben, wieder auf. Sie erschwert die Situation ungemein und füllt den wenigen Freiraum, die beide Partner nun hätten, um wieder zueinanderzufinden, auf und lässt nichts für Gutgesinnung in dieser Familie übrig.

Na’ama bittet schließlich eine Wunderheilerin ihnen zu helfen und tatsächlich bessern sich die psychosomatischen Erscheinungen von Udi. Na’ama erkennt da noch nicht, dass die Besserung eigentlich auf die Entscheidung von Udi beruht, die er nach seiner Genesung endgültig trifft, nämlich auszuziehen. Na’ama ist einerseits verzweifelt und wünscht sich ihren Mann zurück, der mit der Wunderheilerin davon gefahren ist, andererseits ist ihr innerer Kampf ihn halten zu wollen nur gering, da sie längst die Aussichtlosigkeit in der Beziehung gesehen hat. Na’ama hat daraufhin ein sexuelles Erlebnis mit einem Architekten, der sie kurzfristig zu leidenschaftlichen, ihr unbekannten, Höhen bringt, und vollzieht nun endlich ihren Betrug, der ihr all die Jahre vorgehalten wurde. Doch bald stellt sich heraus, dass es bei einer sehr kurzen Äffäre bleibt, da diese ihr scheinbar nur zu einem Abschluss ihrer eigenen Vergangenheit hilft, sie aber weder erfüllt noch weiter leidenschaftlich zu ungeahnten Erregungen bringt.

Während der Zeit, als Udi fort ist, findet Na’ama endlich einen Weg zu ihrer Tochter und eine Freundschaft entwickelt sich zu ihrem Kind. Alles beruhigt sich, die aufgestaute Wut findet endlich ihren Platz in der Vergangenheit, was dann plötzlich doch der ganzen Familie die Chance auf eine neue Zukunft, mit der vertrauten Liebe, gibt.

Zeruya Shalev hat es abermals geschafft, einen zwei Tage lang mit nichts mehr als Tee zu Hause festzuhalten. Die prekäre Situation in dieser Ehe, die bis zum Ende hindurch wirkt, als ob alles auf einem seidenen Faden hängt, endet schließlich doch mit dem, wenn auch unsicheren, Sieg der Liebe zueinander, selbst wenn Jahrzehnte der Wut beide Partner begleitet haben. Der Autorin gelingt es ein weiteres Mal, einem seine eigenen Fehler in Beziehungen zu Menschen zu zeigen, obwohl die Protagonisten einem, so wie im ersten Teil, fremd vorkommen. Mit keinen der Charaktere könnte ich mich auch nur annähernd identifizieren, dennoch wurde mir beim Lesen meine eigene Naivität in Bezug auf Nächstenliebe bewusst.

Shalev, Zeruya. Mann und Frau. Berliner Taschenbuch Verlag, 2002. ISBN-13: 978-3833302695.

Geschrieben von blanque

Samstag, 16 Februar 2008 um 18:56

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Das sogenannte Böse

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Das sogenannte Böse von Konrad LorenzKonrad Lorenz illustriert in seinem Buch „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ mittels einer Vielzahl von bildhaften Beschreibungen von aggressivem Verhalten im Tierreich, wie die Aggressivität des Menschen zu verstehen ist. Nach Lorenz sind dem Menschen (wie auch jedem Tier) überlebenswichtige Triebe angeboren, u.a. der Aggressiontrieb, der zur Aufgabe die Selbstverteidigung, die Nahrungsmittelrevierverteidigung und die Ausbildung von Hierarchien hat. Wie bereits erwähnt, basiert seine Argumentationslinie auf vielen Beispielen im Naturreich, vor allem auf Beobachtungen seinerseits von aggressivem Verhalten bei Fischen (Korallenfische lebend im Habitat und/oder im Aquarium) und verschiedenen Arten von Gänsen.

Da Lorenz die Aggression zwischen den Menschen untersucht, geht er im Besonderen auf die intraspezifische Aggression (Aggression innerhalb der Art) ein. Hier skizziert er einerseits die blutigen Kämpfe zwischen zwei Fischen gleicher Art, als auch die „ritualisierte Form“ von Aggression intraspezifischer Natur. Letzteres dient dem Sinn der Arterhaltung, da ein Zurschaustellen der Aggression, d.h. Drohgebärden, um seinen Standpunkt seinem Gegenüber klar zu machen, meist ausreicht und ein tätlicher Kampf nicht vonnöten ist. Würden solche Kämpfe tatsächlich immer blutig verlaufen, würde sich die Art selbst vernichten und dies wäre wider der Natur. Mit dieser Evolution haben sich verschiedene Formen von Mechanismen entwickelt ohne tätlicher Aggression seinen Platz bzw. sein Revier definieren zu können: Hier sind z.B. Duftmarkierungen oder auch bei der Paarungssuche das prachtvolle Haarkleid von Vögeln zu nennen.

Mittels induktiver Forschungsmethode schließt Lorenz von der Verhaltenslehre im Tierreich auf das Aggressionspotential des Menschen, das er auch beim Homo sapiens den Trieben zuschreibt. Er ermahnt den Leser rein den behavioristischen Ansatz als Erklärungsmodell herzunehmen und gibt u.a. das Beispiel der „non-frustration children“ an. [In Amerika wurde der Versuch gemacht, Kinder vor jeglicher Enttäuschung und Ermahnung zu schützen. Indem sie eine "schöne Umgebung" vorgelebt bekamen, sollte ihr aggressives Verhalten nahezu bei Null liegen. Die Kinder legten jedoch ein äußerst freches Verhalten an den Tag und die Erziehungsmethode war gegen den Erwartungen nicht aggressionsmindernd sondern eher -fördernd.] Die Lösung für eine Minderung der Aggression zwischen der Menschen liegt also nicht in der Umgebung, die sie erzieht, sondern liegt im Menschen selbst. Ist er erst bereit – und hiermit verteidigt Lorenz 1963 massiv den Darwinismus und die Verhaltensforschung – sich seiner selbst in dem Sinn bewußt zu werden, dass er von Trieben geleitet ist, wird er auch fähig sein, den Aggressionstrieb seiner Vernunft zu unterstellen. Da lt. Lorenz Aggression mit dem „psychohydraulischen Instinktmodell“ zu erklären ist, d.h. das „Becken“ füllt sich solange auf, bis es übergeht und eine Entladung (zeigen von Aggression) notwenig ist, sind Sport und andere Abreagierungstätigkeiten Mittel um Aggression zwischen Menschen zu vermeiden.

Lorenz erklärt somit, dass wenn der Mensch fähig ist, seine Aggression zu kontrollieren und sich selbstständig rechtzeitig abreagiert, besteht die Möglichkeit die Menschheit wesentlich zu verbessern, mit anderen Worten: Lorenz gab mit diesem Buch vielen Menschen Hoffnung, dass sie nicht in ihrer Umgebung, an der sie nichts ändern können, gefangen sind und damit ihr aggressives Verhalten nicht lenken können, sondern, dass sie frei in ihrem Verhalten sind und es mit genügend Verständnis individuell beherrschbar ist.

Lorenz, Konrad. Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. Dtv, 1998. ISBN-13: 978-3423330176. (Text bezieht sich auf eine ältere Ausgabe des Buches aus dem Jahre 1985.)

Geschrieben von blanque

Montag, 21 Januar 2008 um 21:02

Anatomie der menschlichen Destruktivität

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Theorie und Kritik an Lorenz

Anatomie der menschlichen Destruktivität von Erich FrommDas Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ von Erich Fromm ist einerseits eine Antwort auf Lorenz’ Buch „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ und andererseits eine Diskussion über die Destruktivität des Menschen, welche nur diesem Wesen und keinem anderen inne ist. Fromm widerspricht Lorenz, einem Natur- und Triebforscher, dass seine populär-wissenschaftliche Veröffentlichung zwar vielen Menschen eine angenehme Antwort auf die Frage nach dem Bösen des Menschen bietet (nämlich, dass die Aggression durch einen sich ständig aufladenden Trieb, der sich im Endeffekt immer wieder entladen muss [zeigen von Aggression] geregelt und somit jedem Menschen angeboren ist), aber diese Erklärung auf keiner fundierten weder biologisch/evolutionär noch experimentell wissenschaftlichen Arbeit gegründet ist. [Ich kann in der Hinsicht nur zustimmen, da ich das Buch von Lorenz so eben bekommen habe und keine Literaturangaben darin zu finden sind. Weitere Analysen über Fromms Kritik erlaube ich mir erst nach Lesen des Buchs von Lorenz.]

Fromm versucht nicht nur Lorenz’ Idee mit Hilfe sämtlicher anderer Literatur theoretischer und praktischer Natur zu widerlegen, sondern erklärt sich auch nicht mit der behavioristischen Erklärung der Aggression, die gegenteilig zu den Triebforschern alle „Verhaltensweisen, [so auch die Aggression, als] angelernt [sieht, um sich] einen möglichst großen Vorteil zu erringen“ (Fromm, 61). Fromm geht bei der Begründung, warum er schließlich zur Psychoanalyse für die Erklärung der menschlichen Destruktivität greift, sehr gründlich vor. Er geht sogar soweit, die Gemeinsamkeiten von Trieblehre und Behaviorismus herauszufiltern: Den Rest des Beitrags lesen »

Geschrieben von blanque

Donnerstag, 17 Januar 2008 um 11:18

Die Merowinger oder die totale Familie

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Die Merowinger oder die totale Familie von Heimito von DodererEs handelt sich bei dem Buch „Die Merowinger“ nicht um eine historische Abhandlung des Geschlechts der Merowinger, sondern um Childerich von Bartenbruch (kurz: Childerich III., den es tatsächlich gab. Er war der letzte vom Geschlecht der Merowinger, bis dieses von den Karolinger verdrängt wurde.), der die totale Familie darin findet, indem er sein eigener Großvater, Cousin, Onkel, Neffe, Vater, Schwiegervater als auch -sohn und so weiter werden möchte und auch wird. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er unzähliger Male seine eigene Sippschaft heiraten und aufgrund seiner Potenz fehlt es auch nicht an Nachkommen. Humorvoll unterlegt wird sein Bestreben nach inzestiösen Familienglück unter anderem durch seine Wutausprüche, die von Dr. Horn mittels, man möge sagen, alternativer Therapien behandelt werden.

Doderers geniale und feine Sprache wird in dem Buch „Die Merowinger“, welches neben den Werken „Die Strudlhofstiege“, „Die Dämonen“ u.a. wie ein Nebenbüchlein Doderers im Bücherregal steht, mit rauem Humor durchzogen. Ein österreichischer Roman, der in jeder österreichischen Büchersammlung nicht fehlen darf.

von Doderer, Heimito. Die Merowinger oder die totale Familie. Dtv, 1990. ISBN-13: 978-3423113083.

Geschrieben von blanque

Freitag, 4 Januar 2008 um 19:09

Pest in Oran

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Die Pest von Albert CamusAlles begann mit den Ratten. Sie quollen hervor aus den Tiefen der Abwassersysteme, nie vermutet, dass es so viele von ihnen gab, als ob die Stadt all ihren Dreck, den sie Jahrzehnte hinweg schlucken musste, wieder ausspie.

Albert Camus schreibt in seinem Buch „Die Pest“ über die Stadt Oran, die im Jahr 194’ (sic!) von der Pest heimgesucht wird. Doch mehr als die Geschichte in dem Buch zählen die Charaktere, die auf unterschiedliche Art und Weise einerseits das Leben im Exil fristen und andererseits die Ereignisse und den Prozess der Krankheit zu verstehen versuchen. Camus packt die Figuren in der Einleitung in eine bestimmte Umgebungskiste ein, die sie zu bestimmten Verhaltensweisen zwingt. Aufgrund der extremen Bedingungen, denen alle gleichermaßen ausgesetzt sind, verändern sie sich im Laufe der Geschichte, können oder wollen ihr begrenztes Feld dennoch nicht verlassen. So bleibt der Freiheitssuchende seiner Sehnsucht treu, der Pflichtbewusste gibt bis zum Ende seine Verantwortung nicht ab, der Priester hält trotz allem pflichtbewußt an seinem Glauben fest, und der scheinbar lichte Moment des Wahnsinnigen während der Pestzeit verfällt doch wieder seinem Wahn.

Gemein haben alle, gespiegelt durch die Figur „Allgemeinheit“, die Empfindung des Getrenntseins – ob vom Geliebten, von der Außenwelt oder von der Freiheit.

Albert Camus beschreibt mit seiner außergewöhnlichen Sprache und seinem objektiven Verständnis eine extremen Situation und wie sehr diese Menschen verändern kann und von einem anderen Blickwinkel aus, wie gleich doch alles bleibt und mit welcher Robustheit und Nüchternheit die Leute ihrem Alltagstrott nachgehen, obwohl ihresgleichen neben ihnen verreckt.

Camus, Albert. Die Pest. Rowohl Tb, 2007. ISBN-13: 978-3499225000

Geschrieben von blanque

Dienstag, 1 Januar 2008 um 12:59

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Liebesleben

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Liebesleben von Zeruya ShalevDas Buch besticht auf der eine Seite durch seine langen Verkettungen an Gedanken, die nicht selten überraschend und durch lauter Nebensächlichkeiten hervorgerufen werden. Genau diese Launen im Kopf Ja’aras (die Hauptfigur im Buch) sind es, die einen bis zum Ende des Buches mitziehen. Nicht also die Geschichte oder die doch allesamt unsympathischen Charaktere sind diejenigen, die mich an das Buch band, sondern die Verknotungen und die Spekulationen in die Ja’ara während ihrer Erzählung gerät. Gedanken, die ebenso lang sind wie die Sätze und Sätze die keinen Punkt finden trotz so vieler unterschiedlicher Gedanken führen den Leser in eine neue Welt des Schreibens. Kein schweres Vokabular, sondern die Gabe den Überblick zu behalten trotz Notiz jeder kleinsten Kleinigkeit. Es ist eine fließende, wenn auch sehr weibliche Sprache, die kaum einen ach so belanglosen Eindruck ausläßt.

Ja’ara ist eine verheirete Frau, der die Langeweile in ihrem Leben zu viel wird, nicht nur aufgrund ihres nicht allzu tempramentvollen, jedoch liebenswerten Mannes, sondern auch weil in ihr tief verborgen die Schicksale ihre Familiengeschichte schlummern, die es noch zu verarbeiten gilt. Aus diesem Grund stürzt sie sich in eine Beziehung mit dem egozentrischen Freund ihres Vaters, der ihr in jeder Hinsicht überlegen ist oder zu sein scheint. Er besitzt sie emotional und auch praktisch, indem sie ihr bisheriges Leben liegen lässt um sich mit seinen sexuellen Wünschen und seiner verborgenen Vergangenheit zu konfrontieren…

Shalev, Zeruya. Liebesleben. Bvt Berliner Taschenbuch Verlag, 2004. ISBN-13: 978-3833300820.

Geschrieben von blanque

Freitag, 28 Dezember 2007 um 15:55

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Opernball

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Opernball von Joseph HaslingerPlötzlich kommt Blausäure durch die Lüftungsschächte von der Hofburg; tausende Menschen sterben, darunter die gesamte Regierungsspitze. Haslingers Buch beschreibt einen der am meisten gefürchteten Vorfälle in Wien, eben einen Anschlag auf den Opernball.

Als ich das Buch las, hatte ich einen großen Nachteil: Ich hatte den Film vor kurzem gesehen. Bis jetzt war es noch nie so enttäuschend ein Buch zu lesen dessen Fakten ich bereits kannte. Der Grund für das ernüchternde Lesen lag nicht an der Geschichte selbst oder am Schreibstil, sondern mehr daran, wie das Buch aufgebaut ist. Die Kapiteln sind unterteilt in Interviewgespräche, so als wenn eine Kassette nach der anderen vorgespielt werden würde. So erzählt einmal die Hauptfigur selbst über seine Kriegsreportagen und seinen Sorgen mit seinem Sohn, einmal entfaltet der Ingenieur seine abstrusen Erlebnisse mit dem Geringsten und dann plaudert mal der Polizeiinspektor von seinen Erfahrungen im Dienst. Hätte ich den Inhalt nicht gekannt, wäre ich sicher neugierig gewesen auf den nächsten Teil vom Ingenieur und wann spricht endlich wieder der Polizeidirektor…

Aber so, muss ich sagen, habe ich mir das Buch ziemlich „verhaut“. Naja, nein, so ganz schlimm war es auch nicht – es sind noch einige neue Geschichten im Buch versteckt, die im Film nicht vorkamen oder die abgeändert wurden. Wie auch immer hat das Buch auf jeden Fall meine Empfehlung, so auch der Film, aber vielleicht vorher das Buch lesen.

Haslinger, Josef. Opernball. Fischer, 2001. ISBN-13: 978-3596135912.

Geschrieben von blanque

Donnerstag, 20 Dezember 2007 um 10:45

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Hitlers Teufel

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Das Schloss im Wald von Norman MailerKann man an den Teufel glauben, aber nicht an Gott? Ich könnte nicht an Gott glauben, wenn ich nicht auch an den Teufel glauben würde, aber ich könnte mir vorstellen, an etwas Übersinnliches, Böses zu glauben ohne an einen Gott zu glauben.

Norman Mailer schreibt in seinem Buch “Das Schloss im Wald” über Hitlers Geburt und Kindheit, seine Familie, und wie Teufel es schaffen, sein Leben in eine gewisse Richtung zu lenken. Ich las in einigen Rezensionen, dass es nicht richtig sei, dem Teufel die Schuld für Hitlers Taten zu geben. Und ich frage mich, warum nicht? Für so viele Dinge wird der Teufel verantwortlich gemacht, warum auch nicht für Hitlers “Verbrechen” indem seine Seele von klein auf gelenkt wurde. Eine Seele, die aus einst innigen und inzestiösen Liaisonen entstanden ist. Diese Verkümmerung, der Wahnsinn und das Talent zur Macht schlüpften aus der mütterlichen Vagina heraus und fanden des Teufels Gunst. Er fand in Hitler das passende Fundament für eiskalte Taten und kümmerte sich um ihn, indem er ihn verletzte und ihn vor Enttäuschungen stellte, bis sich ein Mann erbaut hatte, der Führer war – und ja, der Teufel hat sein Gebäude gut errichtet, denn man folgte dem Zniachterl und sah Gutes in seinen Gräueltaten,… bis Gott es stoppen konnte.

Mailer schreibt über unser Marionetten-Dasein, ein endloses Schachspiel zwischen Gott und dem Teufel; und wenn ein Bauer fällt so steht dieser manchmal für ein paar Millionen Menschen. Sieht man Norman Mailer selbst als Schachfigur an, so sah er sich in dem Buch als jemand, der eine erlebte Geschichte niederschreibt, obwohl er es nicht dürfte, weil der Oberteufel etwas dagegen haben könnte. Mailer starb kurz nach der Veröffentlichung seines Buches.

Mailer, Norman. Das Schloss im Wald. Langen/Müller, 2007. ISBN-13: 978-3784431048.

Geschrieben von blanque

Dienstag, 18 Dezember 2007 um 14:45