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Mann und Frau

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Mann und Frau von Zeruya ShalevDer zweite Teil der Trilogie Zeruya Shalevs handelt über ein israelisches Ehepaar, denen es nicht an Liebe zueinander fehlt, aber ein Stau von Gefühlen, Urteilen und Vorwürfen, die Beziehung dermaßen überschattet, dass die Ehe zu einer aussichtslosen, kränkenden Stagnationssituation geworden ist, die beide Partner unglücklich macht. Die tief greifenden Gründe für das Scheitern der Ehe liegen in zwei längst vergangen Ereignissen, die nie verziehen wurden. Na’ama hat sich zu Schulden kommen lassen, dass sie ihren Mann Udi, vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter, geistig (nie körperlich) mit einem Maler betrogen hat. Der Maler liebte sie, ihre Schönheit und Anmut, hat sie aber in ihrer Freiheit nie eingeengt. Als Na’ama von ihrem Mann erblickt wurde, als sie beim Fremden am Fenster stand, hat sie ihr Gewissen, ihre Schuld dermaßen aufgeblasen, dass Udi ihren Betrug nicht verkraften konnte. Das Ereignis auf Udis Seite war, dass er seine herzgeliebte Tochter als Baby vom Balkon hat fallen lassen. Das Kind trug keine Schäden von dem Unfall, dennoch konnte Na’ama die Unachtsamkeit ihres Mannes ihm nie verzeihen. Die innige Beziehung zwischen Tochter und Vater ging verloren.

Die gegenseitigen Vorwürfe und Beleidigungen in der Beziehung sind für Udi und Na’ama zu einem verzweifelten Alltag geworden und beide sind allein in ihrem gemeinsamen nicht aufhören wollenden ermatteten Strudel. Na’ama empfindet keinen Stolz bei dem was ihr Mann macht, der Reiseführer ist und immer wieder lange Zeit von zu Hause weg ist und Udi beleidigt Na’amas Kampf als Sozialarbeiterin für junge schwangere Mädchen. Durch und durch fehlt es der Ehe an Akzeptanz, Aufklärung und Vergebung, dass kein Weg aus diesem Frust zu existieren scheint, bis Udi eines Morgens mit schwer psychosomatischen Zuständen aufwacht. Anfangs ist er gelähmt, später verliert er sein Augenlicht für kurze Zeit, dann überkommt ihn wieder die Bewegungslosigkeit. Udis Krankheit scheint nach Wochen der Bettlägerigkeit nicht aufhören zu wollen.

Ihre gemeinsame Tochter Nogi, zu verwöhnt aufgezogen nach ihrem Unfall und ausgestattet mit einem starken kindlichen Egoismus, flammt die beruhigenden Momente zwischen Mann und Frau, die sich während der Krankheit immer wieder zu erkennen geben, wieder auf. Sie erschwert die Situation ungemein und füllt den wenigen Freiraum, die beide Partner nun hätten, um wieder zueinanderzufinden, auf und lässt nichts für Gutgesinnung in dieser Familie übrig.

Na’ama bittet schließlich eine Wunderheilerin ihnen zu helfen und tatsächlich bessern sich die psychosomatischen Erscheinungen von Udi. Na’ama erkennt da noch nicht, dass die Besserung eigentlich auf die Entscheidung von Udi beruht, die er nach seiner Genesung endgültig trifft, nämlich auszuziehen. Na’ama ist einerseits verzweifelt und wünscht sich ihren Mann zurück, der mit der Wunderheilerin davon gefahren ist, andererseits ist ihr innerer Kampf ihn halten zu wollen nur gering, da sie längst die Aussichtlosigkeit in der Beziehung gesehen hat. Na’ama hat daraufhin ein sexuelles Erlebnis mit einem Architekten, der sie kurzfristig zu leidenschaftlichen, ihr unbekannten, Höhen bringt, und vollzieht nun endlich ihren Betrug, der ihr all die Jahre vorgehalten wurde. Doch bald stellt sich heraus, dass es bei einer sehr kurzen Äffäre bleibt, da diese ihr scheinbar nur zu einem Abschluss ihrer eigenen Vergangenheit hilft, sie aber weder erfüllt noch weiter leidenschaftlich zu ungeahnten Erregungen bringt.

Während der Zeit, als Udi fort ist, findet Na’ama endlich einen Weg zu ihrer Tochter und eine Freundschaft entwickelt sich zu ihrem Kind. Alles beruhigt sich, die aufgestaute Wut findet endlich ihren Platz in der Vergangenheit, was dann plötzlich doch der ganzen Familie die Chance auf eine neue Zukunft, mit der vertrauten Liebe, gibt.

Zeruya Shalev hat es abermals geschafft, einen zwei Tage lang mit nichts mehr als Tee zu Hause festzuhalten. Die prekäre Situation in dieser Ehe, die bis zum Ende hindurch wirkt, als ob alles auf einem seidenen Faden hängt, endet schließlich doch mit dem, wenn auch unsicheren, Sieg der Liebe zueinander, selbst wenn Jahrzehnte der Wut beide Partner begleitet haben. Der Autorin gelingt es ein weiteres Mal, einem seine eigenen Fehler in Beziehungen zu Menschen zu zeigen, obwohl die Protagonisten einem, so wie im ersten Teil, fremd vorkommen. Mit keinen der Charaktere könnte ich mich auch nur annähernd identifizieren, dennoch wurde mir beim Lesen meine eigene Naivität in Bezug auf Nächstenliebe bewusst.

Shalev, Zeruya. Mann und Frau. Berliner Taschenbuch Verlag, 2002. ISBN-13: 978-3833302695.

Geschrieben von blanque

Samstag, 16 Februar 2008 um 18:56

Veröffentlicht in Bücher, Rezensionen, Romane

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