Archiv für Februar 2008
Café Griensteidl
Eine gute heiße Schokolade mit Schlag, ein Buch und vielleicht ein warmer Topfenstrudel,… wie gern habe ich beim Lesen die Gesellschaft, die mich nichts angeht und doch da ist. Das Café Griensteidl ist in letzter Zeit eine meiner Lieblingsleseecken und das nicht nur wegen der heißen Schokolade.
Das Café wurde 1846 gegründet und war im 19. Jahrhundert Treffpunkt vieler Persönlichkeiten, vor allem in literarischen Kreisen. Schnitzler, Altenberg, Bahr u.a., alles Vertreter des Schriftstellerkreises „Jung-Wien“, trafen sich am Michaelerplatz. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Café geschlossen, erst 1990 an der gleiche Stelle wiedereröffnet und ist heute neben den Stammkunden hauptsächlich ein Touristencafé.
So mancher mag fürchten, dass es als Wiener ein Unangenehmes sei von Touristen geplagt seinen Kaffee schlürfen zu müssen, doch entsteht dieses Gefühl im Griensteidl nur all zu selten. Gerade ein Schmunzeln kommt mir auf die Lippen, wenn ich neben den alteingesessenen Wienern, ernst in der Presse oder dem Standard lesend, der Melange am Tisch und zu Mittag daneben die Sacherwürstel stehend, je nach Jahreszeit französisches Geplapper höre, oder den Schreck vieler Leuten im Augenwinkel sehe, die feststellen, wie teuer doch nicht ein Espresso sein kann oder den Niederländern anmerke, wie verwundert sie doch jedes Mal das einfach nicht lächeln wollende Gesicht der Wiener Kellner bestaunen. Man beobachte auch die Chinesen, die mit Chenglish und wildem Gestikulieren was auch immer bestellen möchten oder die Gruppen, von denen nur ein Mitglied der deutschen oder der englischen Sprache mächtig ist (und das meist nur gebrochen), und die restliche Gruppe starrt auf die stets in der Mitte sitzenden, leicht geröteten Person, die mit dem Kellner kommuniziert (…irgendwie halt). Nein, es wäre kein Café und es wäre nicht in Wien, ohne die ausländische Geräuschkulisse.
Aber ein großer Punkt, neben all dem Erwähnten, der heißen Schokolade, den Touristen (den nationalen und internationalen) und der großen Zeitungsauswahl, dieser Faktor, der mich immer öfter dorthin treibt für Tratsch und meine Leserei, ist die Tatsache, dass das ganze Lokal rauchfreie Zone ist. Nichts gegen eine gute Zigarre, einen frischen Zigarillo und auch der derben Zigarette sei der Platz gewährt, aber ich muss es einfach nicht haben, nach jedem Cafébesuch nach Hause zurückzukehren, im Vorzimmer mit verzogener Nase die Sachen von mir fallen lassen zu müssen und auch noch spät Abends in die Dusche zu hüpfen, weil meine Haare wie eine ausgeblasene Fackel riechen.
Also, Fazit, ein Hoch auf die globale rauchfreie Zone im Café Griensteidl, und natürlich die heißen Schokolade. Mehlspeisenliebhaber kommen übrigens dort auch nicht zu kurz. Und falls es wen interessiert oder es wer brauchen kann, die Öffnungszeiten sind täglich von 8.30 Uhr bis 23.30 Uhr.
Mann und Frau
Der zweite Teil der Trilogie Zeruya Shalevs handelt über ein israelisches Ehepaar, denen es nicht an Liebe zueinander fehlt, aber ein Stau von Gefühlen, Urteilen und Vorwürfen, die Beziehung dermaßen überschattet, dass die Ehe zu einer aussichtslosen, kränkenden Stagnationssituation geworden ist, die beide Partner unglücklich macht. Die tief greifenden Gründe für das Scheitern der Ehe liegen in zwei längst vergangen Ereignissen, die nie verziehen wurden. Na’ama hat sich zu Schulden kommen lassen, dass sie ihren Mann Udi, vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter, geistig (nie körperlich) mit einem Maler betrogen hat. Der Maler liebte sie, ihre Schönheit und Anmut, hat sie aber in ihrer Freiheit nie eingeengt. Als Na’ama von ihrem Mann erblickt wurde, als sie beim Fremden am Fenster stand, hat sie ihr Gewissen, ihre Schuld dermaßen aufgeblasen, dass Udi ihren Betrug nicht verkraften konnte. Das Ereignis auf Udis Seite war, dass er seine herzgeliebte Tochter als Baby vom Balkon hat fallen lassen. Das Kind trug keine Schäden von dem Unfall, dennoch konnte Na’ama die Unachtsamkeit ihres Mannes ihm nie verzeihen. Die innige Beziehung zwischen Tochter und Vater ging verloren.
Die gegenseitigen Vorwürfe und Beleidigungen in der Beziehung sind für Udi und Na’ama zu einem verzweifelten Alltag geworden und beide sind allein in ihrem gemeinsamen nicht aufhören wollenden ermatteten Strudel. Na’ama empfindet keinen Stolz bei dem was ihr Mann macht, der Reiseführer ist und immer wieder lange Zeit von zu Hause weg ist und Udi beleidigt Na’amas Kampf als Sozialarbeiterin für junge schwangere Mädchen. Durch und durch fehlt es der Ehe an Akzeptanz, Aufklärung und Vergebung, dass kein Weg aus diesem Frust zu existieren scheint, bis Udi eines Morgens mit schwer psychosomatischen Zuständen aufwacht. Anfangs ist er gelähmt, später verliert er sein Augenlicht für kurze Zeit, dann überkommt ihn wieder die Bewegungslosigkeit. Udis Krankheit scheint nach Wochen der Bettlägerigkeit nicht aufhören zu wollen.
Ihre gemeinsame Tochter Nogi, zu verwöhnt aufgezogen nach ihrem Unfall und ausgestattet mit einem starken kindlichen Egoismus, flammt die beruhigenden Momente zwischen Mann und Frau, die sich während der Krankheit immer wieder zu erkennen geben, wieder auf. Sie erschwert die Situation ungemein und füllt den wenigen Freiraum, die beide Partner nun hätten, um wieder zueinanderzufinden, auf und lässt nichts für Gutgesinnung in dieser Familie übrig.
Na’ama bittet schließlich eine Wunderheilerin ihnen zu helfen und tatsächlich bessern sich die psychosomatischen Erscheinungen von Udi. Na’ama erkennt da noch nicht, dass die Besserung eigentlich auf die Entscheidung von Udi beruht, die er nach seiner Genesung endgültig trifft, nämlich auszuziehen. Na’ama ist einerseits verzweifelt und wünscht sich ihren Mann zurück, der mit der Wunderheilerin davon gefahren ist, andererseits ist ihr innerer Kampf ihn halten zu wollen nur gering, da sie längst die Aussichtlosigkeit in der Beziehung gesehen hat. Na’ama hat daraufhin ein sexuelles Erlebnis mit einem Architekten, der sie kurzfristig zu leidenschaftlichen, ihr unbekannten, Höhen bringt, und vollzieht nun endlich ihren Betrug, der ihr all die Jahre vorgehalten wurde. Doch bald stellt sich heraus, dass es bei einer sehr kurzen Äffäre bleibt, da diese ihr scheinbar nur zu einem Abschluss ihrer eigenen Vergangenheit hilft, sie aber weder erfüllt noch weiter leidenschaftlich zu ungeahnten Erregungen bringt.
Während der Zeit, als Udi fort ist, findet Na’ama endlich einen Weg zu ihrer Tochter und eine Freundschaft entwickelt sich zu ihrem Kind. Alles beruhigt sich, die aufgestaute Wut findet endlich ihren Platz in der Vergangenheit, was dann plötzlich doch der ganzen Familie die Chance auf eine neue Zukunft, mit der vertrauten Liebe, gibt.
Zeruya Shalev hat es abermals geschafft, einen zwei Tage lang mit nichts mehr als Tee zu Hause festzuhalten. Die prekäre Situation in dieser Ehe, die bis zum Ende hindurch wirkt, als ob alles auf einem seidenen Faden hängt, endet schließlich doch mit dem, wenn auch unsicheren, Sieg der Liebe zueinander, selbst wenn Jahrzehnte der Wut beide Partner begleitet haben. Der Autorin gelingt es ein weiteres Mal, einem seine eigenen Fehler in Beziehungen zu Menschen zu zeigen, obwohl die Protagonisten einem, so wie im ersten Teil, fremd vorkommen. Mit keinen der Charaktere könnte ich mich auch nur annähernd identifizieren, dennoch wurde mir beim Lesen meine eigene Naivität in Bezug auf Nächstenliebe bewusst.
Shalev, Zeruya. Mann und Frau. Berliner Taschenbuch Verlag, 2002. ISBN-13: 978-3833302695.
Schwarze Nächte und schwarze Katzen
Schwer liegt mein Körper im Bett. Ich spüre, wie meine Rundungen sich tief in die Matratze hineindrücken; mein Becken, mein Brustkorb pressen tiefe Mulden in das ungewohnte, weiche Bett. Meinen Kopf habe ich in zwei riesige Polster hineingelegt und ich spüre, wie der samtige Überzug meine Backen streichelt und rieche den frischen Geruch eines neu überzogenen Bettes. Ich bin so müde an dem Abend.
Noch vor einigen Stunden kam mir alles so bekannt vor. Jeden Tisch, jedes Glas, der Geruch von mütterlicher Liebe, alles erkannte ich wieder. Auswendig wusste ich nachwievor, wo ich nach Essen suchen musste, mit blinden Griffen zog ich ein Besteck aus der Lade hervor und setzte mich auf das bekannte Sofa, wie ich es oft früher tat. Nun liege ich im Bett, ich habe gerade ein Buch fertig gelesen, kurz ferngesehen und mich von dem Schnurren der schwarzen Katze beruhigen lassen.
Ich drehe das Licht ab, alle haben sich bereits auf ihren Schlafplatz gelegt und alle schlafen fest, nur ich nicht. Mir wird klar, dass mich alle Sinne bis jetzt betrogen haben, mir vorgegaukelt haben, wie bekannt doch alles ist; ein Organ jedoch, ist nun ehrlich zu mir und sagt, dass ich hier schon lange nicht mehr wohne, nicht schlafe und wie fremd doch alles geworden ist. Ich höre ein glucksen in der Heizung und stehe auf um sie abzudrehen, aber sie ist kalt. Aus dem Badezimmer, welches gegenüber von meinem Zimmer liegt, höre ich ein eigenartiges Tropfen. Und da, ein Ticken, ein Ticken – ich habe doch alle tickenden Uhren weggeräumt, ich bin es nicht gewohnt mit tickenden Uhren zu schlafen. Ich wälze mich im Bett und sage zu mir, einfach nicht auf die Geräusche zu hören und plötzlich merke ich, wie alles in mir erstarrt. Ein Knarren ist draußen zu hören, eindeutig, es waren zwei Schritte, aber keiner ist hier, nur ich und zwei Katzen und ihre Sanftpfötchen verursachen nur das Geräusch von Anpirschen. Ich bleibe diesmal im Bett, bewege mich nicht und kralle mich an der Bettdecke fest und nach fünf Minuten lasse ich mich wieder in die weiche Matratze sinken. Ich habe seit fünf Minuten nichts mehr gehört.
Stundenlang wälze ich mich hin und her, immer wieder erschrecke ich vor den geheimnisvollen Geräuschen, von denen ich nie gedacht habe, wie fremd sie mir geworden sind. Selten verging eine Nacht so langsam, wie die heutige und doch hat sie, irgendwann, den Morgen erreicht. Sie schwindet von meinem Fenster, der Tag lässt Licht in mein Zimmer und endlich, endlich kann ich schlafen. Ich drehe mich auf den Rücken, strecke meinen verkrampften Rücken von der Nacht aus, lasse mich verwöhnen von der weichen Decke. Die schwarze Katze hat sich wieder zu mir gesellt und tastet mit ihren Pfötchen den Überzug ab. Endlich fühle ich mich sicher, endlich kann ich meine Sinne wieder kombinieren und muss mich nicht nur auf mein Hören konzentrieren und dann, abermals ein Geräusch, dass ich nicht mit meinen Augen zuordnen kann, nichts bewegt sich, die Katze ist aufgestanden und schaut aus dem Fenster, nichts hätte ein Geräusch machen können, aber doch ist es deutlich zu hören. Ich rapple mich auf, falle aus dem Bett, ziehe mir schnell was an und renne hinunter, denn es hat an der Tür geläutet.
Musik und Blogschreiben
Ich höre Lounge-Musik. Sie begleitet mich oft während ich schreibe. Jeder Mensch hat seine eigene Musik, die seine Sprache unterstützt, es ihm leichter macht zu schreiben. Die Finger tippen dann ganz von alleine, schnell und zügig, so als wenn ich den Text schon längst durchdacht, jedes Wort schon längst bestimmt hätte. Hab ich das tatsächlich? Oder tippen sie wirklich ganz von alleine…?
Es gibt Musik, die spricht mit der Sprache, sie erleichtert mir das Schreiben ungemein und sie ermöglicht es mir an nichts anderes zu denken, als an meinen Versuch etwas niederzuschreiben. Meine Musikrichtungen, um die Gedanken spielender in Worte zu kleiden, sind Lounge, Jazz oder Klassik. Ich weiß nicht warum, auch bin ich nicht damit groß geworden, weder gewohnt (nagut mittlerweile schon), noch absichtlich angewöhnt. Es fiel mir eines Tages auf, und ich denke, dass viele Menschen die gleiche Musik brauchen, um flüssiger zu schreiben. Musikrichtungen als Konzentrationsspritze,…, sozusagen.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Störenfriede; diese Musikrichtungen machen einen regelrecht wahnsinnig und bei bestem Willen kann ich mich dann nicht konzentrieren. Grob zusammengefasst ist das bei mir die Musik, die im Radio dahinklempert (…seit Jahren immer das Gleiche). Kaum höre ich die Klänge von diesen Massensendestationen, bin ich genervt; als ob jeder Note mir eine Schups geben möchte, damit ich ja nicht auf meinem Stuhl sitzen bleiben kann ( – das soll nicht unbedingt heißen, dass sie mich zum Tanzen animieren).
Meine Finger, mein Geist, brauchen eben Jazz; keine Liedtexte, die vor Kreativitätsmangel strotzen, keine fünfzig wiederkehrenden Takte, die kaum eine Oktav ausfüllen. Aber wie gesagt, jede braucht seine eigenen begleitenden Noten zum verbalisieren seiner Gedanken.