Kurzdiskussion Fromm vs. Lorenz – unterschiedlichen Ansichten
Der folgende Eintrag ist eine Besprechung von Fromms Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ in dem er zu großen Teilen das Buch von Lorenz „Das sogenannte Böse“ kritisiert und Lorenz als Person und als Vertreter der Trieblehre nicht in der Welt der Psychologie des Menschen akzeptiert. Diese bescheidene Analyse soll einerseits Allgemein erfolgen und andererseits an einer von Fromms wichtigsten Elementen seiner These, nämlich, wie er den Begriff Charakter versteht.
Allgemeiner Diskurs
Fromms Kritik an Lorenz beruht einerseits auf der Tatsache, dass Lorenz ein Verhaltensforscher der Tierwelt ist und nicht den Menschen als eigentliches Untersuchungsobjekt „unter seinem Mikroskop“ hat und andererseits, dass Lorenz zu „salopp“ mit seiner Thesenerstellung vorgeht, indem er [tatsächlich] keine Literatur verwendet, um seine Thesen zu untermauern, und, dass er zu rasche Schlussfolgerungen [auch wenn sie vielleicht stimmen mögen] zieht, ohne [wie es scheint] eine wissenschaftliche Methodik dabei zu verwenden. Ein weiterer Punkt von Fromm ist, dass Lorenz’ Wahl der Tiere (eben hpts. Fische und Gänse) eher Arten sind, die, evolutionär gesehen, weiter vom Menschen entfernt sind als bspw. Affen und daher seine Folgerungen nur vage Annäherungen sein können und keine fundierten Beweise.
Konrad Lorenz hat sich der Verhaltungsforschung hingegeben und demzufolge ist er ein Forscher der stets den induktiven Weg der Methodik wählen wird – was er auch in seinem Buch angibt. D.h. seine Bekennung zu der eben erwähnten Disziplin erfordert von sich aus Induktion. In der Hinsicht, geht Lorenz keineswegs unachtsam vor, sondern führt viele Beispiele von aggressivem Verhalten bei Tieren an [auch wenn man hier das Argument bringen könnte, dass die aufgezählten Beispiele zu wenige sind, um Thesen aufstellen zu können]. Gegenteiliges ist bei den Beispielen von Aggressivität bei Menschen zu finden; diese Exempel scheinen weder gut ausgewählt noch ausreichend beobachtet worden zu sein. Worin ich also Fromm durchwegs recht gebe, ist, dass Lorenz zwar in seinem Gebiet sehr versiert ist, sein Induzieren aber dann vorschnell durchführt und die Äquivalent-Beispiele vom Menschen nie hundertprozentig passend erscheinen.
Noch kurz zurück zur unterschiedlichen Methodik der beiden Autoren: Es wurde bereits festgestellt, dass Lorenz den induktiven Weg wählt. Fromm, hingegen, falsifiziert seine Annahme mittels deduktiver Methode und wählt in einem zweiten, separaten Schritt seine Disziplin (Psychoanalyse) erst nachdem er sämtliche anderen Fachrichtungen disqualifiziert hat aus. Fromm geht also seine Arbeit sehr analytisch und beinahe überkorrekt (beachtet man, wieviele Fachgebiete er berücksichtigt hat) vor. Manchmal glaubt man sogar herauslesen zu können, dass er dem Literaturmangel in Lorenz’ Werk zum Trotz, das seinige mit besonders liebevoller, penibler Genauigkeit erarbeitet hat – dies ist aber eine sehr subjektiv, empfundene Spekulation, die keinerlei Beweisen unterliegt.
Zum Schluss des Allgemeinen Teils möchte ich noch andeuten, dass das Buch „Das sogenannte Böse“ sehr auf die Bevölkerung in den 1960er Jahren zugeschnitten ist und der breiten Bevölkerung den Zugang zum Darwinismus (wie viele andere Werke auch) eröffnen wollte; ein Weg sich selbst zu finden indem man versteht woher man (evolutionär gesehen) stammt. Man sollte das Buch daher stärker „populär-wissenschaftlich“ sehen, als eine rein wissenschaftliche Arbeit, die der breiten Bevölkerung wahrscheinlich „zu trocken“ wäre und dies induziert einen gewissen Mangel an streng-wissenschaftlichen Vorgehensweisen.
Der Begriff Charakter
Fromm definiert den Begriff Charakter folgendermaßen: Der Charakter des Menschen ist der Ersatz für den verlorenen gegangenen Trieb. Er ist Wegweiser in zweierlei Hinsicht eines jeden Menschen: Einerseits ist er das Element, dass auf seine Umgebung eben forsch, liebevoll, aggressiv, geduldig oder wie auch immer reagiert und andererseits „motiviert [er] das Verhalten je nach seinen dominierenden Zielen„(Fromm, 284). Der Charakter ist des Menschen Schicksal (Fromm, 284), aber die Umgebung, die Ereignisse, die einen Menschen während seinem Leben ereilen, formen den Menschen. D.h. wird einem Sadisten, nie die Möglichkeit gegeben, diesen Zug seines Charakters herauszubilden, so werden andere Teile des Charakters (z.B. Liebenswürde) stärker aktiviert und dominieren so im Menschen.
Lorenz wie auch Fromm sehen somit den Ursprung von Aggressivität in einer angeborenen Sache. Bei Lorenz ist der Aggressionstrieb dafür verantwortlich; Fromm argumentiert jedoch, dass der Mensch seine Aggression nicht kontrollieren kann, indem er seine Triebe versteht, sondern dass die Fähigkeit, dass der Mensch eben verstehen kann, sich selbst erkennen kann, daran Schuld ist, dass der Mensch teilweise Triebe verloren hat. Die destruktive Aggression kann somit nicht in den Trieben liegen, da diese nie so gestaltet wären, ihre eigene Art auszuschalten, sondern muss in etwas Menschen eigenes liegen – dem (in den Genen liegenden) Charakter, der zu sadistischem, nekrophilem also destruktivem Verhalten führt.
Fromm wie Lorenz geben somit beide an, dass in den Genen tragende Elemente die Aggression inne haben. Was Lorenz jedoch nicht bedacht hat, war, dass mit seiner Theorie zwar „Aggression“ erklärt werden kann, nicht jedoch „destruktive Aggression“, die Menschen zu den absonderlichsten Verhaltensformen treibt (ein sehr hartes Beispiel wäre hierfür der Geschlechtsverkehr mit Verstorbenen).
Siehe auch Rezensionen „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ und „Das sogenannte Böse„.
Fromm, Erich. Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt Tb., 2006. ISBN-13: 978-3499170522.
Lorenz, Konrad. Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. Dtv, 1998. ISBN-13: 978-3423330176. (Text bezieht sich auf eine ältere Ausgabe des Buches aus dem Jahre 1985.)