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Anatomie der menschlichen Destruktivität

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Theorie und Kritik an Lorenz

Anatomie der menschlichen Destruktivität von Erich FrommDas Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ von Erich Fromm ist einerseits eine Antwort auf Lorenz’ Buch „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ und andererseits eine Diskussion über die Destruktivität des Menschen, welche nur diesem Wesen und keinem anderen inne ist. Fromm widerspricht Lorenz, einem Natur- und Triebforscher, dass seine populär-wissenschaftliche Veröffentlichung zwar vielen Menschen eine angenehme Antwort auf die Frage nach dem Bösen des Menschen bietet (nämlich, dass die Aggression durch einen sich ständig aufladenden Trieb, der sich im Endeffekt immer wieder entladen muss [zeigen von Aggression] geregelt und somit jedem Menschen angeboren ist), aber diese Erklärung auf keiner fundierten weder biologisch/evolutionär noch experimentell wissenschaftlichen Arbeit gegründet ist. [Ich kann in der Hinsicht nur zustimmen, da ich das Buch von Lorenz so eben bekommen habe und keine Literaturangaben darin zu finden sind. Weitere Analysen über Fromms Kritik erlaube ich mir erst nach Lesen des Buchs von Lorenz.]

Fromm versucht nicht nur Lorenz’ Idee mit Hilfe sämtlicher anderer Literatur theoretischer und praktischer Natur zu widerlegen, sondern erklärt sich auch nicht mit der behavioristischen Erklärung der Aggression, die gegenteilig zu den Triebforschern alle „Verhaltensweisen, [so auch die Aggression, als] angelernt [sieht, um sich] einen möglichst großen Vorteil zu erringen“ (Fromm, 61). Fromm geht bei der Begründung, warum er schließlich zur Psychoanalyse für die Erklärung der menschlichen Destruktivität greift, sehr gründlich vor. Er geht sogar soweit, die Gemeinsamkeiten von Trieblehre und Behaviorismus herauszufiltern:

„Trieblehren und Behaviorismus haben eine Grundprämisse gemeinsam: daß der Mensch keine Psyche mit eigener Struktur und eigenen Gesetzen besitzt.“ (Fromm, 91)

Mittels genauester Analyse von Trieblehren, Behaviorismus, die Freudsche Libidoerklärung, Neurologie, Anthropologie, Paläontologie und Anführen von vielen praktischen Beispielen (unter Ihnen sehr bekannte wie das Pawlowsche Modell der Konditionierung und die Milgram-Experimente) endet er seinen teils langwierigen aber notwendigen theoretischen Teil fremder Disziplinen und endet schließlich bei der Psychoanalyse, seinem Gebiet.

„Die Psychoanalyse ist im wesentlichen eine Theorie der unbewußten Impulse des Widerstandes, der Verfälschung von Realität je nach den eigenen subjektiven Bedürfnissen und Erwartungen,… In diesem revidierten Sinn … bedient sich dieses Buch bei der Untersuchung des Problems der menschlichen Aggression und Destruktivität der psychoanalytischen Methode und nicht der Instinkttheorie oder der behavioristischen Methode.“ (Fromm, 106)

Nebenbei bemerkt ist dieser theoretische Teil zwar manchmal etwas langwierig, dennoch liest es sich, wenn auch nie unwissenschaftlich, teilweise recht unterhaltsam, da Fromms zynisch-scharfe Zunge so manchen Behavioristen oder Historiker in ein schlechtes Licht wirft. So wird Skinner (Neobehaviorist) z.B. bloßgestellt, indem er einen Witz als ernste Aussage für seine Thesen heranzieht, nämlich „die Geschichte von der Ratte, die einer anderen Ratte erzählt, wie gut sie ihren Expermimentator konditioniert habe. Immer, wenn sie einen bestimmten Hebel niederdrücke, müsse der Mann sie füttern (Fromm, 58).“

Fromms Arten der Aggression

Fromm baut nun seinen ganzen Beweis auf der These auf, dass „Destruktivität … keine instinktiven Triebe, sondern Leidenschaften sind, die in der Gesamtexistenz des Menschen verwurzelt sind“ (Fromm, 95) und Fromms Prämissen beruhen auf folgenden Punkten: Einerseits teilt er die Aggression in zwei Kategorien ein, der „biologisch adaptiven, dem Leben dienenden, gutartigen Aggression„, welche auch bei Tieren zu finden ist und der Selbsterhaltung dient, und der „biologisch nichtadaptiven, bösartigen Aggression„. Indem er die Aggression in zwei Typen einteilt, ist es ihm möglich, dass er die tierische Seite des Menschen von seinem Untersuchungsobjekt, der destruktiven Aggression, trennt. Er sucht somit nicht die Antwort in der Tierwelt, oder anders: Er behauptet, diese sadistische, masochistische Seite im Tierreich nicht findet zu können und damit kann Destruktivität auch nicht in der Evolution des Menschen gefunden werden. Er sucht die Antwort in einem Element, das nur der Mensch hat, dem Charakter (tierisches individuelles Verhalten ist im genetisch vorgegebenen Temperament begründet und nicht eben im Charakter).

Die Ausformulierung und Definition von dem Begriff Charakter ist der zweite dominierende Teil seiner These. Sein Ansatz ist folgendermaßen aufgebaut: Der Mensch ist sich seiner selbst bewußt, er ist Teil der Natur und muss sich ihr beugen und doch „transzendiert er die Natur“ (Fromm, 253), er ist sich somit nicht nur seiner selbst, sondern auch seines Verlustes seiner Instinkte und seines Lebens in Harmonie mit der Natur bewußt und damit der „Ohnmacht“ in der er sich befindet. Die Folge dessen ist die Suche nach Struktur, die Menschen in Religion, der Wissenschaft, Magie oder wo auch immer suchen (das Faszinierende daran ist, dass er hiermit die Diskussion über Religion, Glaube, Übernatürliches und Wissenschaft „auf einen Haufen schmeißt“ und alle diese Richtigungen, zu der sich ein Mensch bekennen kann, in der „Dichotomie seiner Existenz„, also seiner Suche nach Struktur zu finden ist). Um in seiner gefundenen Welt nun auch eine Orientierung zu finden, um als ein ernst genommenes Individuum gelten zu können, nutzt er seinen Charakter um auf die auf ihn einströmenden Einflüsse zu reagieren. Jeder Mensch ist somit einzig/individuell mit seinem Charakter und seiner Umgebung auf die er reagiert, aber dennoch stets mit dem Ziel seinem eigenen Charakter möglichst freien Lauf zu geben. Nur so ist es ihm möglich Ziele zu verfolgen. Mit dieser unweigerlich starken Sehnsucht nach Orientierung erklärt Fromm auch, warum Menschen so fasziniert von irrationalen politischen, religiösen etc. Ansichten sind – je extremer diese Anschauungen sind, desto mehr Orientierung geben sie und desto anziehender sind sie.

Die destruktive Aggression ist somit nicht in der Instinktlehre zu finden und auch nicht im Behaviorismus, sondern in der Zwiespaltigkeit des Menschen mittels seines Charakters seine fehlenden Instinkte auszugleichen zu müssen.

Nach dieser schwierigen Ableitung beginnt Fromm nach Umweltbedingungen zu suchen, die den Charakter in einen sadistischen, masochistischen, narzißtischen oder nekrophilen werden lassen. Einer der, in meinen Augen, prägnantesten Vorraussetzungen für destruktive Charaktere ist in seiner Abhandlung über die Langeweile der Menschen zu finden (Fromm, 273f). Wobei ein „langweiliger Mensch“ für Fromm nicht jemand ist, der anderen keine Unterhaltung bieten kann, sondern jemand, der mit seiner Zeit nichts anzufangen weiß, wenn keine permanenten Reize auf die Person einwirken. Die Industriegesellschaft macht uns zu passiven Lebewesen, die verwöhnt sind von den einfachen Stimuli, die sie jeden Tag am Tisch serviert bekommen, und uns zu abgedroschen Menschen macht. Destruktive Aggression ist daher auch oft bei Leuten zu finden, die alles als langweilig empfinden und eine starke Stimulation brauchen um ihre Begierden (sehr oft auch sexueller Natur) befriedigen zu können.

Zuletzt erarbeite Fromm noch zwei Beispiele von destruktiven Charakteren. Einerseits Heinrich Himmler, ein Sadist, und andererseits Adolf Hitler, der laut Fromm nekrophiler Natur ist. Er gibt noch viele andere Exempel für Sadisten, Masochisten, Nekrophile an, wie bspw. Stalin, doch sind Himmler und Hitler am stärksten herausgearbeitet, auch wegen den detailierten biografischen Teilen der beiden Personen. Doch möchte ich hierauf in diesem Eintrag nicht genauer eingehen, da ich eine eigene Kritik dafür schreiben werde.

Zu guter Letzt (nicht anschließend an die bisherige Rezension zu sehen) noch ein Zitat, dass sich eo ipso (oder auch nicht) versteht:

Eine sehr vorübergehende [Ekstase] liefert die Natur mit dem Sexualakt. Mann kann dieses Erlebnis als den natürlichen Prototyp einer vollkommenen Konzentration und einer momentanen Ekstase bezeichnen; dabei kann der Sexualpartner mit inbegriffen sein, doch bleibt es nur allzu oft für beide Partner bei einem narzißtischen Erlebnis, wobei sie sich vielleicht gegenseitig für die Lust dankbar sind, zu der sie sich verholfen haben (gewöhnlich als Liebe empfunden).“ (Fromm, 310)

Fromm, Erich. Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt Tb., 2006. ISBN-13: 978-3499170522.

Geschrieben von blanque

Donnerstag, 17 Januar 2008 um 11:18

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  1. [...] auch Rezensionen “Anatomie der menschlichen Destruktivität” und “Das sogenannte Böse“. Tagged with: Aggression, Destruktivität, [...]

  2. [...] Rhetoriker. Fromm beschrieb, dass Menschen nach Orientierung streben (siehe Artikel “Anatomie der menschlichen Destruktivität” unter Überschrift “Fromms Arten der Aggression”) und je stärker Dinge, Ideen, [...]


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